Mistel

Viscum album

Habitus: Die Mistelbüsche sind kugelig und dicht verzweigt. Der Mistelstrauch hat einen Durchmesser von bis zu 1m. Nur auf Laubgehölzen schmarotzend, besonders auf Weichhölzern (nur selten auf Sträuchern).

Blätter: Die gegenständigen lederigen Blätter sind 5 cm lang und bis 1 cm breit und zungenförmig.

Blüten: In Blattachseln erscheinen im Frühjahr unscheinbare gelbe Blüten, die männlichen mit 4 Kelchblättern, 4 Staubblättern, die weiblichen mit 4-teiliger Blütenhülle. Die eingeschlechtlichen, zweihäusigen Blüten sind zu sitzenden Trugdolden angeordnet. Die Frucht ist mit unterständigen, aus 2 Fruchtblättern verwachsenen  Fruchtknoten umgeben. Die  beerenartige Scheinfrucht ist weiß, durchscheinend und mit klebrigem Fleisch.

Blütezeit: Februar bis April.

Standort

Die bei uns vorkommende Art ist häufig auf Linden, Pappeln und Apfelbäumen anzutreffen, selten auf Eichen auf Buchen kommt sie überhaupt nicht vor. Auf Tannen und Kiefern gedeihen besondere Unterarten der Mistel. Die Mistel siedelt gerne in Flußtälern, wo die Luftfeuchtigkeit höher ist. Sie kommt nur zerstreut vor, in manchen Gegenden aber auch häufiger. Sie gedeiht bis zu einer Höhe von 1200 m.

Allgemeine Verbreitung

Ganz Mitteleuropa.

Brauchtum: Wegen ihrer eigentümlichen Lebensweise gehört die Mistel seit frühesten Zeiten zu den viel beachteten Gewächsen - der Ausdruck Wundermistel- weist auf ihre heilenden, abwehrenden, bannenden oder glückbringenden Eigenschaften hin, die man ihr nachsagte. Aber nicht immer soll sie das Geschehen positiv beeinflussen.

Im Naturmythos der Kelten und Germanen kommt ihnen eine zentrale Bedeutung zu, so auch in der jüngeren Edda-Sage, wo sie eine unheilvolle Entwicklung einleitet.

Nach Plinius galt die Mistel auch als Abwehrschutz gegen böse Geister. Man hängte sie in Haus und Stall und steckte sie auch gegen Blitzgefahr unter das Dach. So findet sich auch in den altgermanischen Siedlungsgebieten Norddeutschlands an Giebeln alter Bauernhöfe der sog. "Donner- oder Hexenbesen", wie die Mistel im Volksmund bezeichnet wurde. Auch hier steht das Motiv in der Überlieferung des alten Abwehrzaubers. Prähistorische Siedlungsfunde weisen die Mistel seit dem 5. Jh. v. Chr. in Europa bis nach Skandinavien nach. Um ihre Wirksamkeit zu behalten, mußte sie mit einem Pfeil abgeschossen oder mit Steinen heruntergeworfen und mit der linken Hand oder einem Mantel aufgefangen werden, ohne die Erde berührt zu haben.

Die heidnische Verehrung der Mistel im Jahreslauf deckte sich auch mit den christlichen Feiern der Weihnachts- und Neujahrszeit. Als "immergrünes" pflanzliches Symbol der Wintersonnenwende und des Jahreswechsels ist sie sehr viel älter als der Tannenzweig und Tannenbaum, deren Vorkommen zu Weihnachten sich erst seit dem 16. bzw. 18. Jh. nachweisen läßt und im 19. Jh. durchzusetzen begann.

Zusammen mit den Tannenzweigen fällt die Mistel im Elsaß seit dem 16. Jh. auch mancherorts unter das hauptsächlich kirchliche Verbot "dannwedel und mistelzweig" zur Weihnachtszeit anzuheften. Wie vom Elsaß aus der geschmückte Christbaum zur Weihnachtszeit in Frankreich, England, ja, in aller Welt seinen Einzug hält, so läßt sich dies umgekehrt für die Mistel feststellen, die in jüngerer Zeit von Frankreich, England und Skandinavien aus nach Deutschland, in andere europäische Länder und bis Amerika vorgedrungen ist. 

Heilwirkung: Als Heilpflanze hat die Mistel eine lange Tradition. So empfiehlt sie bereits der griechische Arzt Hippokrates (460 - 377 v. Chr.) gegen Milzsucht, auch Theophrastos (371 - 285 v. Chr.) und Plinius erwähnen sie.

Während des ganzen Mittelalters galt die Mistel vor allem als heilkräftig gegen Epilepsie. Vom Mittelalter bis ins 18. Jh. fehlte die Mistel als Heilmittel gegen die verschiedensten Krankheiten in keinem der bekannten Kräuterbücher.

In Deutschland gibt es zahlreiche Fertigarzneien mit Mistel, die bei Bluthochdruck, Altersbeschwerden und Arteriosklerose eingesetzt werden. Sie sind dabei durchweg mit anderen Drogenauszügen kombiniert. Misteltee wird, besonders in der Volksmedizin, bei Schwindelanfällen und Gelenkerkrankungen verwendet. In der Homöopathie soll eine Mistel-Therapie folgende Wirkungen zeigen: Auf das Zentrale Nervensystem, z. B. bei Melancholie, auf das Gefäßsystem, Wirkung auf Muskeln, Gelenke und periphere Nerven.

Schon die alten Griechen und Römer bereiteten aus dem Fleische der Scheinbeeren den Vogelleim. So findet auch folgender Spruch seine Erklärung: "Turdus ispe sibi cacat malum" (die Drossel bereitet sich selbst das Unheil). Von Hippokrates  werden die Mistelblätter gegen Milzsucht gebraucht, der Mistelschleim findet bei der hl. Hildegard  gegen Leberkrankheiten Anwendung. Paracelsus  läßt die Mistel bei Epilepsie verwenden, eine Indikation, die auch Lonicerus , Bock  und Matthiolus  anführen. L. verordnet die Mistel zudem als resorptionsförderndes, fieberwidriges, blutstillendes, erweichendes, zerteilendes, wurmtreibendes und geburtserleichterndes Mittel. 1729 (in deutscher Übersetzung 1776) erschien eine Broschüre, die lediglich der Mistel gewidmet war und die klinischen Erfahrungen des englischen Arztes Colbatch  wiedergab, der die Mistel "beynahe" als "ein solches Specificum wider die epileptischen Krankheiten" bezeichnete, "wie die Chinarinde wider die abwechselnden Fieber". v. Haller  bezweifelt die Versuche von Colbatch stark und schreibt den Mistelbeeren nur leicht laxierende, den Blättern "gelind anziehende" und Bitterwirkung zu. Das Holz der Mistel sei ein Bestandteil der meisten Antispasmodika. Hecker  erwähnt, daß der Mistel je nach den Bäumen, auf denen sie schmarotze, eine verschiedene Heilkraft zugesprochen würde, daß man aber aus Achtung vor den alten Ärzten die Eichenmistel bevorzuge. Ihr Holz sei ein Mittel von ausgezeichneter Wirksamkeit bei Epilepsie.

Brauch des Weihnachtsmistelzweiges: Man hängte ihn im Zimmer auf oder band ihn über die Eingangstür, das Mädchen, das von einem Mann unter dem Zweig angetroffen wurde, mußte sich von ihm küssen lassen. Somit galt (und gilt ?) die Mistel als Glücksbringer und Symbol für Fruchtbarkeit, für die sie auch im Altertum Verwendung fand. So nutzten auch die Kräuterkundler des Mittelalters die Mistel als Heilkraut. Hildegard von Bingen schätzte Mistelsud gegen erfrorene Gliedmassen man verwendete sie aber auch gegen Epilepsie, wohl daher, da man diese Krankheit bösen Geistern zuschrieb. Da die Mistel ja nicht zur Erde fallen konnte, da sie auf Bäumen wuchs, ging man davon aus, dass dies einem Epileptiker auch nicht geschehen könne, trug er denn einen Mistelzweig bei sich. Der Kräuterpfarrer Sebastian Kneipp setzte die Mistel zum Blutstillen ein.

Namensursprung: Viscum ist der Name der Mistel sowie des aus den Beeren bereiteten Vogelleims bei den Römern. Der Ursprung des deutschen Namens Mistel ist bis heute ungeklärt geblieben. Volkstümliche Bezeichnungen: Mundartliche Nebenformen sind z. B. Mistele (Braunschweig), Mistle, Misple, Mischgle, Mischgelt (Schweiz). Das anlautende "M" wird manchmal in "N" verwandelt, so in Nistl (Wiener Wald), Nistle (Schweiz). In Ostpreußen hört man vielfach Wispen, Wespe, Wösp. Da die Mistel schon seit den ältesten Zeiten als "Hexenpflanze" in geheimnisvollem Rufe steht, heißt sie im Aargau Hexe(n)nest, Hexe(n)besen, im Elsaß Hexe(n)krut, in Mecklenburg Marentaken (von "Mahr" = Nachtgespenst und niederl. tak [= das deutsche "Zacke" = Spitze] = Zweig).

Eingetragen am 01.03.2016Aktualisiert am 18.05.2016 15:14:26