Schlafmohn

Papaver somniferum

Habitus: Die einjährige Art wird 60-150 cm hoch. Der Stengel ist kahl. Wie alle anderen Pflanzenteile ist er blaugrün gefärbt und führt Milchsaft.

Blätter: Die unteren Blätter sind gestielt, die oberen stengelumfassend-sitzend und ungeteilt mit welligem, mehr oder weniger gezähnt-gekerbtem Rand.

Blüten: Die wenigen, ziemlich großen (bis 10 cm Durchmesser) Blüten sind blassviolett, weiß oder rot mit 2 früh abfallenden Kelchblättern, 4 großen, knitterigen Kronblättern, zahlreichen Staubblättern und einem kugeligen Fruchtknoten, der mit einer Scheibe mit 8-12 Narbenstrahlen abschließt.

Frucht: Zur Fruchtzeit schwillt der Fruchtknoten zu einer bis 5 cm großen Kapsel an. Ursprünglich bildeten sich unter der Narbenscheibe kleine Poren, durch die die Samen wie bei einem Salzstreuer ausgeworfen werden. Bei den meisten Zuchtformen öffnen sich diese Poren aber nicht mehr, so dass die Samen in der Kapsel bleiben und leicht geerntet werden können.

Blütezeit: Juni bis August.

Standort

Da der Schlafmohn früher zur Ölgewinnung angebaut wurde ist er verwildert und wächst auf Brachland, auf Schuttplätzen und Wegen. Man sieht ihn aber auch als Zierpflanze in Gärten.

Allgemeine Verbreitung

Die Hauptanbaugebiete von Schlafmohn liegen im mittleren Osten (Afghanistan) sowie in Südostasien.

Geschichte: Schlaf-Mohn ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. Samen und Kapseln wurden in der Schweiz in 4000 Jahre alten Pfahlbauten gefunden. Auf 3000 Jahre alten sumerischen Tafeln ist der Mohn als „Pflanze der Freude“ erwähnt. Vermutlich ist die Art im Raum Oberitalien - Schweiz - Süddeutschland in der Jungsteinzeit gezüchtet worden und hat sich von hier schnell über die damals bekannte Welt verbreitet. In Ägypten wurde der Schlaf-Mohn erst später bekannt sichere Belege fehlen. Die ältesten chinesichen Dokumente stammen aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. Irgendwo zwischen Bodensee und Provence vermutet man auch die Entdeckung des Rohopiums, einer braunen Masse, die entsteht, wenn man unreife Kapseln anritzt und den austretenden Milchsaft eintrocknen lässt. Dieses Rohopium ist der Grundstoff für alle weiteren Zubereitungen wie Opium, Morphium und sogar das halbsynthetische Heroin.

Opium wurde zum wichtigsten Heilmittel. Die antiken Hippokratiker benutzten es u.a. bei Wassersucht, Durchfall, Gebärmutterleiden und natürlich gegen Schlafstörungen. Entweder wurde es geraucht oder meistens mit Wein vermischt. Wegen der berauschenden, euphorisierenden Wirkung wurde es auch rituell verwendet. In der minoischen Kultur gehörte Opium (mindestens seit 1300 v. Chr.) zum Kult der Kornmutter und Erdgöttin Demeter, was später auf entsprechende Gottheiten wie Kybele in Kleinasien und Ceres in Rom übertragen wurde.  Naheliegenderweise wurde der Schlaf-Mohn auch mit Nyx, der Göttin der Nacht, Hypnos (röm. Morpheus), dem Gott des Schlafes und „Löser der Sorgen“, und Thanatos, dem Gott des Todes, in Verbindung gebracht. Abbildungen von Hermes (röm. Merkur) mit der Pflanze in der linken Hand haben die Vermutung genährt, dass der Schlaf-Mohn die sagenhafte Zauberpflanze Moly ist. Theokrit bezeichnete den Milchsaft als „Tränen des Mondes“ oder „Tränen der Aphrodite“. Ovid nannte es „Saft vom Kraut des Vergessens“. Schlaf-Mohn war auch einer der wichtigsten Bestandteile des Theriak, einer Tinktur aus zahlreichen Kräutern, die ursprünglich gegen Vergiftung schützen sollte, später in mannigfachen Variationen zum Zauber- und Allheilmittel avancierte. Im Matthäus-Evangelium steht, man habe Christus am Kreuz Essig oder Wein (griech. chole, also etwas Bitteres) zu trinken gegeben, "mit Galle vermischt und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken" (Matthäus 27,34). Markus schildert das Getränk als Wein mit Myrrhe. Es war damals üblich, dass bei Hinrichtungen barmherzige Frauen versuchten, das Leiden der Verurteilten zu lindern, indem sie ihnen schmerzstillende Mittel wie Galle oder Myrrhe brachten. Auch mit Opium versetzter Wein schmeckt bitter. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Getränk, das Christus am Kreuz gereicht wurde, Opium enthielt.

Die Germanen pflanzten Mohn (urgermanisch: magan) auf Äckern („Magenfeldern“) an, die auch Odâinsackr genannt wurden sie galten als Genesungsstätten, auf denen Odin bzw. Wotan heilsame Wunder tätigte. Noch zur Frankenzeit ist aus der Gegend um das heutige Schweinfurt der Kult des Gottes Lollus überliefert, dessen Insignien ein Becher Wein mit einer Kornähre und ein Kranz von Magsamenköpfen (Mohnkapseln) war.  Natürlich preist auch Dioskorides umfangreich die Anwendungen des Schlaf-Mohns als Schlafmittel und Medizin gegen alle möglichen Schmerzen an. Da Dioskorides die maßgebliche Quelle für die europäische Schulmedizin des Mittelalters war, fehlt Opium in keiner Arzneimittelliste der damaligen Zeit. 1670 kreierte der  englische Arzt Thomas Sydenham das „Laudanum“, eine Tinktur aus Opium, Zimt, Safran und anderen exotischen Zutaten, die schnell den Ruf eines Universalheilmittels errang und bis ins 19. Jahrhundert in Gebrauch war. Die neuen Kolonien in Asien erwuchsen zu den wichtigsten Anbaugebieten im 17. Jahrhundert war Opium der bedeutendste Handelsartikel der Holländischen Ostindien-Kompagnie. Wie populär Opium damals war, kann man auch daran ablesen, dass es Goethe im Faust I als „Inbegriff der holden Schlummersäfte“ erwähnt.

Ein Meilenstein in der Geschichte der Pharmazie war die Isolierung des Hauptwirkstoffs Morphin, einem Alkaloid, die 1805 dem Apotheker Sertürner gelang. Es war das erste Mal, dass ein reiner Wirkstoff extrahiert werden konnte. Um die Bedeutung dieser Tat zu würdigen, muss man sich klar machen, dass damals noch die Lehrmeinung galt, dass organische Moleküle nur in Lebewesen unter Wirkung einer geheimnisvollen Lebenskraft (vis vitalis) entstehen könnten. An die Möglichkeiten der heutigen Pharmachemie war damals im Traum nicht zu denken. Im 19. Jahrhundert wurde Opium zur Modedroge unter Dichtern und anderen Künstlern. Durch die Entdeckung Sertürners war ab der Mitte des Jahrhunderts auch das reine Morphin verfügbar, das gespritzt wurde. In dieser Darreichung besitzt Morphin ein starkes Suchtpotential und kann nach mehrmaligem Gebrauch abhängig machen. Die Morphin-Abhängigen nannte man Morphinisten. Trotzdem war Morphin (Handelsname: Morphium) in der Medizin immer noch ein geläufiges Schmerzmittel. In den 30er-Jahren versuchten die Chemischen Fabriken Bayer in Elberfeld (heute Wuppertal), die unerwünschten Eigenschaften des Morphins durch Veresterung mit Essigsäure abzufangen. Dies war zuvor schon mit dem entzündungshemmenden Wirkstoff aus der Weidenrinde, der Salicylsäure, gelungen, die durch Veresterung mit Essigsäure zur leicht handhabbaren Acetylsalicylsäure verwandelt wurde. Unter dem Handelsnamen ASPIRIN ist diese Substanz seit Jahrzehnten ein Verkaufserfolg der Bayer-AG. Das Gleiche versuchte man auch mit dem Morphin auf der Suche nach einem Medikament zur Unterstützung einer Therapie gegen die Tuberculose, die man damals die heroische Therapie nannte. Daraus resultierte ein Stoff, der unter dem Namen HEROIN in den Handel kam. Bald stellte sich heraus, dass man den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben hatte. Das neue Heroin erwies sich als starkes Rauschmittel mit größerem Suchtpotential als Morphin und wurde vom Markt genommen, wird aber bis heute in erheblichem Umfang illegal produziert.

Opiumkrieg: Nachdem Großbritannien in Indien seine Vormachtstellung ausgebaut hatte, drängte der britische Handel verstärkt auch auf den chinesischen Markt. Die britische Ostindische Kompanie setzte seit langem schon billig erworbene indische Waren in dem einzigen chinesischen Freihafen Kanton ab und tauschte dagegen den im Mutterland begehrten chinesischen Tee ein. Die besten Erlöse aber ließen sich mit dem indischen Opium erzielen. Die chinesische Regierung verbot 1800 die Opiumeinfuhr, denn der Opiumhandel führte zu einer rapiden Verschlechterung der chinesischen Außenhandelsbilanz und zum Abfluss großer Mengen von Edelmetall ins Ausland. Aber das Opiumgeschäft wurde illegal fortgesetzt. 1839 erließ Kaiser Taoguang ein totales Opiumeinfuhrverbot und veranlasste die Beschlagnahmung der britischen Opiumvorräte in Kanton. Diesen Vorfall nahm Großbritannien zum Anlass, 1840 mit der Fernostflotte militärisch einzugreifen. Begründet wurde dieser Schritt mit dem Vorwand, die britischen Kaufleute in China schützen zu müssen. Es kam zu einem fast dreijährigen Krieg, in dessen Verlauf britische Landungstruppen unter dem Schutz ihrer Kriegsschiffe zahlreiche Küstenstützpunkte zwischen Kanton und Schanghai errichteten. Am 29. August 1842 wurde schließlich der Friede von Nanking geschlossen. China wurde gezwungen, Hongkong an Großbritannien abzutreten. Es musste fünf Häfen dem internationalen Handel öffnen, darunter neben Kanton auch Amoy und Schanghai, so wie eine Kriegsentschädigung zahlen. In Zusatzabkommen erzwang Großbritannien besonders günstige Handelsbedingungen sowie konsularische Rechte in den Handelshäfen. China musste ferner sein Land den christlichen Missionen öffnen. Es war der erste der »ungleichen Verträge«, die China künftig mit ausländischen Mächten abzuschließen gezwungen wurde. 1844 folgten Verträge mit den USA und Frankreich, in denen China seine Zollautonomie verlor. In der Folge wurde das Land mit ausländischen Waren überschwemmt, China wurde zu einem halbkolonialen Staat.

Name: Die Griechen bezeichneten diese Pflanze mit mekon, woraus sich der deutsche Name Mohn entwickelte. Im althochdeutschen heißt er mago und wurde auch Magen, Magsamen, Mahnblom und Oelmagen genannt. Der griechische Gattungsname Papaver setzt sich zusammen aus papa für Kinderbrei und vernum für echt. Mohnsaft wurde früher dem Brei beigemischt, damit die Kinder besser einschliefen. Schon Plinius soll den Mohn Papaver genannt haben. Der Artname somniferum heißt schlafbringend und die Bezeichnung Opium stammt von dem griechischen Wort opos für Saft, da dieser Wirkstoff aus dem Milchsaft der Pflanze gewonnen wird.

Heilwirkung: Die zahlreichen Wirkungen des Opiums, die noch bis in die jüngste Vergangenheit in der Volksmedizin genutzt wurden, beruhen darauf, dass es sich um ein Gemisch aus ca. 40 verschiedenen Alkaloiden handelt, die unter dem Namen Opiate zusammengefasst werden. Die drei wichtigsten und ihre Wirkungen sind:  Morphin: schmerzstillend, beruhigend, hypnotisch, narkotisch, Hustenreiz dämpfend, verstopfend,  Papaverin: entspannt die glatte Muskulatur, krampflösend (z.B. bei Asthma), steigert den Blutandrang in den Schwellkörpern des Penis, Codein: das bekannte Hustenmittel. In der Medizin ist der Gebrauch des Morphins stark zurückgegangen und wird nur noch bei extremen Schmerzen, z.B. Krebs in der Endphase, verschrieben. Dies liegt nicht daran, dass neue Nebenwirkungen bekannt geworden wären sondern daran, dass die Ärzte Konflikte mit dem Betäubungsmittelgesetz fürchten. Papaverin und Codein sind heute noch geläufige medizinische Wirkstoffe. Sie werden allerdings nicht mehr aus Opium gewonnen sondern vollsynthetisch hergestellt.

Eingetragen am 17.02.2016Aktualisiert am 21.02.2016 9:24:46