Miere, Vogelmiere

Stellaria media

Habitus:  Eine einjährige Pflanze, die zwischen 10 und 40cm hoch werden kann. Die behaarten Stengel sind reich verzweigt und wachsen niederliegend bis leicht aufsteigend.

Blätter: Die unbehaarten Blätter sind kurz gestielt und eiförmig, nach vorne spitz zulaufend. Nach oben hin sitzen sie fast am Stengel an.

Blüten: Die winzigen Blüten (4-7mm) befinden sich in den Achseln der Blätter. Die 2-spaltigen Kronblätter haben eine weiße Farbe und  die gleiche Größe wie die Kelchblätter. Die wenigen Staubblätter sind meist verkümmert.

Frucht: Aus den Blüten wird später eine kapselartige Frucht.

Blütezeit: Januar bis Dezember.

Standort

Sie wächst auf nährstoffreichen Böden so ist sie auf Äckern, in Gärten, auf Schuttplätzen und Ödland, sowie auf Rebfluren zu finden bis etwa 2000 m.

Allgemeine Verbreitung

Ganz Europa.

Name: Die Pflanze erhielt ihre deutschen Namen, weil die Samen und Blätter gern von Vögeln, vor allem Hühnern, gefressen werden und die schlaffen, am Boden niederliegenden bis aufsteigenden Stängel an Gedärme erinnern. Sie ist eine der wenigen das ganze Jahr über blühenden Pflanzen Mitteleuropas. Volkstümliche Namen sind:  Sternenkraut, Vögelichrut, Hühnerdarm, Mausdarm  Stellaria, «Sternchen», nannte der große Botaniker Linnaeus sie ihrer hübschen, weissen sternförmigen Blüten wegen. Vor allem den Vögeln sagt die Vogelmiere zu, daher wohl die Bezeichnungen Vogelmiere, Hühnerabbiss, Hähnerdarm, Gänsekraut, chickweed (engl.) oder auch das französische mouron des oiseaux oder «Gauchheil der Vögel». Eine alte Bezeichnung ist Hübnerserb, wobei der zweite Bestandteil von serben (= welken, hinsiechen, langsam absterben) herrührt. Der alte Apotheker Schroeder (1639) erklärt das so: «dieweil es den Hühnern und Vögeln eine angenehme Speis ist und ihnen sehr dienstlich, so sie krank sind und nicht essen wollen». Wenn Hühner oder Gänse das Kraut reichlich fressen, kommt es zu vermehrter Eierproduktion, das wenigstens glaubt manche Bauersfrau.

Wunder der Vitalität: Die Vogelmiere sieht zwar schwach und gebrechlich aus, doch anstatt der protzigen Schönheit der anderen Nelken besitzt sie eine schier unverwüstliche Lebenskraft. Sie wächst und blüht unentwegt, und wo ihre Stängelknoten den Boden berühren, bildet sie neue Würzelchen. Sie bringt in Laufe des Jahres fünf bis sechs Generationen hervor. Pro Generation erzeugt sie zwischen 10000 und 20000 Samen. Die Lebensdauer der Samen, wenn diese in der Erde schlummern, beträgt bis zu sechzig Jahren.

Volkstümliches: Der Kräuterarzt Gerard aus dem 16.Jahrhundert verschreibt das Kraut, in Essig und Salz gekocht, bei Krätze. Bei Verstopfungen, bei Husten oder als Augenwasser verschreibt er einen chickweed-tea. Culpeper, der die saftig-zarte Pflanze unter die Herrschaft des Mondes stellt, benutzt sie ebenfalls bei Ausschlägen und Hauterkrankungen. Um eine heisse Leber zu kühlen, verschreibt er Vogelmierenpackungen zur äußerlichen Anwendung. Interessant ist, dass auch die Indianer bei Hautinfektionen, Schwellungen und Leberbeschwerden Umschläge aus den zerstampften frischen Blättern und Tee für die Behandlung von Gerstenkörnern und Bindehautentzündungen anwendeten. Wie viele Kräuter kam auch die Vogelmiere mit den weissen Siedlern nach Amerika. Vielleicht hat ein begabter Medizinmann von sich aus die Heilwirkung dieser fremden Pflanze entdeckt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Indianer die Anwendung den Pionieren abschauten. Das populäre Kräuterbuch Culpepers Herbal gehörte nämlich ebenso zur lebensnotwendigen Ausrüstung des Waldläufers und Siedlers wie die Axt, die Flinte und die Bibel.

Heilwirkung: Die Vogelmiere ist eigentlich als Unkraut in Verruf geraten, jedoch sollte man ihre Heilkräfte nicht unterschätzen. Schon der griechische Arzt Dioskorides wusste die heilende Wirkung der Vogelmiere zu schätzen: “Sie mag mit Nutzen zusammen mit Getreidemehl bei Entzündungen der Augen aufgetragen werden. Der Saft kann auch bei Ohrenschmerzen ins Ohr eingeführt werden.“ Wie Diskorides schon sagte, findet sie bei äusserlichen Entzündungen Verwendung, wie vorwiegend bei juckender Haut in Form von Saft, Umschlägen oder Salben aufgetragen. Auch bei Ekzemen und Geschwüren schafft sie Abhilfe. Das getrocknete oder frische Kraut als Badezusatz verwendet, hilft bei Rheuma. Innerlich als Tee, kann man sie auch bei Bronchialleiden nutzen. Im Frühjahr schmeckt das junge Kraut sehr gut als Salat oder in Suppen als Würze und unterstützt hierbei die Verdauung. Aber Vorsicht, der Verzehr von zu großen Mengen, kann Durchfall und Erbrechen auslösen. Auch Schwangere sollten die Vogelmiere nicht anwenden. 

Etwas für die Küche:

Für mich ist die Vogelmiere überhaupt kein Unkraut. Sie ist eher ein Salatgewächs, auf das ich mich im Frühling und im Spätherbst besonders freue. Sie kann in jeden Salat gemischt werden man kann sie auch feingehackt auf ein Quarkbrot streuen. Ob im Gartenbeet oder in der Salatschüssel, das Grün der zarten, runden Blätter ist besonders schön anzusehen. Wie es aussieht, so schmeckt es auch: kühl und erfrischend. Ursel Bühring, eine Kräuterfrau aus Freiburg, meint dazu: «Uns aber überrascht das dauergrüne Gartenkraut mit seinem aparten Geschmack, der an frische Maiskölbchen erinnert» Auf den Märkten der Großstädte wurde die Miere einst in Bündeln als Suppengrün verkauft. Auf den Bauernmärkten Nordindiens wird eine Vogelmierenart (Stellaria aquatica) noch immer als Gemüse feilgeboten. Das gekochte junge Kraut schmeckt ebensogut wie Spinat.

Der Miere, die die Kälte so gut verträgt und deren Areal bis zum Polarkreis reicht, konnten auch die Eiszeiten wenig anhaben. Urgeschichtler fanden fossile Vogelmieren aus der letzten Eiszeit (Lea Valley Arctic Bed, Grossbritannien), was die Vermutung nahelegt, dass die Pflanze auch für die Neandertaler einst ein wichtiger Vitaminspender war. Anderswo zeigen Pollenanalysen, dass sich die Vogelmiere besonders in der jüngeren Steinzeit, als grosse Waldflächen gerodet wurden, stark vermehrte. Sie fand in den neu angelegten Feldern eine geeignete ökologische Nische und gehörte sicherlich mit zu den gesammelten Nahrungspflanzen.

Eingetragen am 07.02.2016Aktualisiert am 14.02.2016 12:18:36