Weißwurz, vielblütige

Polygonatum multiflorum

Habitus: Der Stengel der Pflanze ist geneigt und 30 - 60 cm lang. Sie hat einen kantigen fast zweischneidigen Stängel

Blätter: Die Blätter sind eiförmig und wechselständig.

Blüten: Die Pflanze trägt 2 - 5 weiße Blüten in den Achseln ihrer Blätter. Die Blüten weisen alle in eine Richtung, haben einen grünen Saum, ihre Form ist röhrig bis glockig.

Frucht: Die Frucht ist eine blauschwarze Beere.

Blütezeit: Mai bis Juni.

Standort

Vielblütige Weisswurz ist eine Waldpflanze, gedeiht auf Böden mittlerer Feuchte, die schwach sauer und weder besonders mager noch nährstoffreich sind, wächst im Schatten, ist hauptsächlich in der montanen Stufe verbreitet und verträgt dort große Unterschiede der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit im Tages- und Jahreswechsel.

Allgemeine Verbreitung

In ganz Europa verbreitet.

Name: Der Name Weißwurz kommt von den weißlichen Wurzeln der Pflanzen. Die Bezeichnung Salomonssiegel bezieht sich ebenfalls auf die Wurzel. Die abgestorbenen Triebe des Vorjahres bilden Narben, die wie Dokumentensiegel aussehen. Nach der Sage soll König Salomon die Zauberkraft der Wurzel dazu verwendet haben, um beim Bau des Tempels die Felsen zu sprengen. Der Gattungsname Polygonatum setzt sich aus den griechischen Worten polys für viel und gony für Knie oder Knoten zusammen und meint damit die kno-tigen Glieder des Wurzelstocks. Die wissenschaftlichen Artnamen entsprechen auch den deutschen Artnamen.

Heilwirkung: Den Hippokratikern scheint das Salomonssiegel unbekannt geblieben zu sein. Überhaupt beschäftigen sich von den Autoren der Antike nur Dioskurides und Plinius mit der Pflanze, und zwar führen sie sie unter dem auch heute noch gültigen Namen Polygonatum auf. Dioskurides empfahl sie als Mittel gegen Gesichtsflecken und Wunden. In der mittelalterlichen Literatur findet sich die Droge zuerst bei Brunschwygk wieder, der sie in dem "kleinen Destillierbuch" unter dem Namen "wiswurze" beschreibt und auch eine Abbildung bringt. Nach Tschirch war sie um dieselbe Zeit, also im 16. Jahrhundert, auch den Chinesen schon als Heilmittel bekannt. Im 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zählte das Polygonatum dann zu den bekannteren Heilmitteln und wurde als offizinell in verschiedenen Pharmakopöen geführt. Die Hauptverwendung war gegen Gesichtsflecken und Wunden. So weiß Simon Paulli zu berichten, daß die Däninnen sich des Mittels nach ehelichen Dramen bedienten "cum pugnos senserint virorum" ("wenn sie die Fäuste der Männer fühlten"). Aber auch Indikationen wie Verrenkungen, Gicht, Podagra, Blasensteine usw. finden sich für das Polygonatum in den alten Kräuterbüchern, die es auch gelegentlich als Emmenagogum, Aphrodisiakum und Purgans nannten. Von den sehr verschiedenen Bezeichnungen, unter denen die mittelalterliche Literatur die Pflanze kennt, seien hier nur einige genannt, so Sigillum Sanctae Mariae (Matthiolus), Daphnoida (Bock), Tamus (Dodonaeus), Diptam und Sigillum Salomonis (Brunschwygk) usw. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geriet das Salomonssiegel dann fast völlig in Vergessenheit und taucht nur noch selten in der neueren medizinischen Literatur wieder auf.

In Schweden und Skandinavien soll es auch zum Brotbacken verwendet worden sein. Wirkung Lonicerus  schildert die Weißwurz als zerteilend, emetisch, steintreibend, emmenagog, purgierend "Weißwurtzwasser ist das allerbest und berümptest zu allerhand flecken / und andern ungeschaffenen mälern". Matthiolus  fügt dem noch hinzu, daß die Wurzel den Weißfluß stille und aphrodisisch wirke auf blutunterlaufene Stellen gelegt, soll sie diese in wenigen Tagen beseitigen. Auch Rößlin, Ryff und Becher empfehlen sie zur Reinigung der Nieren, Lenden und Harngänge sowie zur Entfernung von Blasensteinen. Von Zwinger wird das Mittel gegen Grind und als Zusatz zu einer Sommersprossensalbe genannt. v. Haller verwendet die Pflanze "zu Breyumschlägen als ein zuverlässiges Mittel zu Zertheilung des geronnenen Geblüts". In der russischen Volksmedizin wird Polygonatum äußerlich gegen Gicht (die gekaute Wurzel wird auf das erkrankte Gelenk aufgelegt), Rheumatismus, Gliederschmerzen gebraucht, weiter als Wundmittel und Kosmetikum. Innerlich wird sie nur als Brechmittel gegeben . In China gebraucht man die Rhizome bei Nieren- und Rückgratkrankheiten  und als Antidiabetikum. Piungki Min hat von dieser Verwendung ausgehend die blutzucker-senkende Wirkung der chinesischen Droge experimentell festgestellt. Wurzel und Beeren der Weißwurz rufen Vomitus und Diarrhöe hervor. Die Wurzel wird nach Dragendorff  äußerlich gegen Rheuma und Gicht verwendet, nach Schulz  äußerlich zur Behandlung von Wunden, Quetschungen und Entzündungen, Flecken, Hautmälern, sogar Pockennarben. H. Leclerc  berichtet, daß er häufig die im Volke übliche äußerliche Anwendung als Kataplasma gegen Ekchymosen mit günstigem Erfolg beobachtet hat. Langecker  stellte fest, daß Extrakte von Polygonatum officinale und multiflorum experimentell erzeugte alimentäre Hyperglykämie stark herabsetzen und deren Dauer abkürzen.

Eingetragen am 28.01.2016Aktualisiert am 31.01.2016 15:04:29