Schneerose

Helleborus niger

Habitus: Es handelt sich um ein 25 cm hoch werdendes, mehrjähriges Kraut.

Wurzel: Die Pflanze hat einen kahlen, schwarzbraunen Wurzelstock.                                                

Blätter: 1-3 grundständige Blätter überwintern. Sie sind breit fußförmig und 5-9teilig. Die Blattabschnitte sind lanzettlich. Am Stengel befinden sich 1-3 Hochblätter, die kaum 1,5cm lang werden. Die Hochblätter sind ganzrandig, die grundständigen Blattabschnitte im oberen Drittel gesägt.

Blüten: Die weißen Blüten befinden sich einzeln am Ende eines Stengels. Die Blüten sind waagerecht orientiert und 5-10cm im Durchmesser. Die Blütenhüllblätter überdecken sich mit den Rändern und sind sehr breit oval.

Blütezeit: Dezember bis März.

Standort

Wächst nur auf kalkhaltigem Boden in Buchen- und Kiefernwäldern. Sehr selten. Aufgrund des frühen Blühtermins beliebte Gartenzierpflanze.

Allgemeine Verbreitung

Die Pflanze wächst im südlichen Mitteleuropa, in Südeuropa sowie in den südlichen und östlichen Kalkalpen. In Deutschland findet man sie nur in den Berchtesgadener Alpen.

Name: Christrose nannte man die Pflanze, da sich schon zur Weihnachtszeit die ersten Blüten zeigen können. Ein weiterer Name ist Schwarze Nieswurz, wegen ihrer schwarzen Wurzeln. Die Bezeichnung Nieswurz erhielt sie ihrer Verwendung in Niespulvern wegen. Weitere Namen sind Christblume und Schneerose. Der griechische Gattungsname setzt sich zusammen aus helein für töten und bora für Speise, was darauf hinweist, dass die Pflanze nach ihrem Verzehr tödlich wirkt. Den Artnamen niger erhielt die Christrose wegen ihrer schwarzen Wurzeln (niger = schwarz).  Weitere Namen:  Frangenkraut, Gillwurz, Schneeblume, Schneerose, Weihnachtsrose, Winterrose.

Giftigkeit: Alle Pflanzenteile sind sehr stark giftig. Die größte Konzentration der Wirkstoffe ist in der Wurzel und in den Samen gefunden worden. Alle Gifte bleiben beim Trocknen erhalten.

Wirkung: Der Saft der Christrose ruft auf der Haut und der Schleimhaut eine starke Reizung mit Entzündungen und Blasenbildung hervor. Bei der Aufnahme über den Mund oder die Nase (Schnupftabak) kann es zu einer Magenentzündung mit Erbrechen, Durchfall und Magenschmerzen kommen. Schwindel, Ohrensausen, Sehstörungen, vermehrter Speichelfluss, Koliken und Krämpfe sind deutlichere Zeichen einer Vergiftung. Durch die Giftstoffe kann es zu Pulsverlangsamung, Herzrhythmusstörungen, weiten Pupillen, Erregung, Nierenstörungen bis zum Nierenversagen und Lähmungen kommen. Der Tod tritt durch eine Atemlähmung ein.

Geschichte: Für die Kelten war die schwarze Nieswurz, die überall im ehemaligen keltischen Siedlungsraum vor allem auf kalkigen Böden, besonders im Jura und in den Kalkalpen wild wächst, eine wichtige Pflanze. Zum einen wurde sie als Pfeil- und Lanzengift bei der Hirschjagd verwendet. Plinius schreibt, dass die Gallier ihre Geschosse, mit denen sie die Jagdtiere erlegten, mit »Helleboro« vergifteten und dass das Fleisch durch dieses Lanzengift für den Genuss sogar zarter wurde. Um die Wunde schnitten sie das Fleisch aber ringsum aus. Wenn sie bei ihren Hirschjagden den Wurzelsaft in stärkerer Dosis in das seitliche Tüllenloch der Wurfspeere einbrachten, vergifteten sie das Tier nicht bis zur Ungenießbarkeit, sondern sie töteten es mit dem Herzgift durch Herzlähmung. Ein Rabe - ein dem Lugus oder Brennus geweihter Vogel und Botschafter der Anderswelt - habe dieses Mittel den Kelten gezeigt. Auch, so erzählt Aristoteles von den Gallokelten, habe der schwarze Vogel ihnen ein Gegenmittel gegen die schwarze Giftwurzel gezeigt, nämlich die Eichenrinde. Aber nicht nur als Hirschgift diente die Wurzel, sie war auch eines der wichtigsten tierheilkundlichen Mittel der Kelten. Plinius berichtet, dass die Gallier den seuchenkranken Rindern einen Bissen Nieswurz in den Schlund schoben, um diese durch den dadurch erzeugten Schweiß vom Giftstoff der Krankheit zu reinigen .Der römisch-spanische Gutsbesitzer Columella (60 n. Chr.) beschreibt, wie die Hirten Haarseile mit dem Helleborus-Gift tränkten und diese dem kranken Vieh durch das Maul zogen. Dieser Brauch hat sich überall auf ehemals keltischem Boden - in Süddeutschland, Österreich, Frankreich, Belgien, Britannien - erhalten. Besonders wenn die von den Kelten so geliebten Borstentiere am »Schelm« (Rotlauf) litten, bohrte der Bauer ein Loch ins Ohr des kranken Schweins und steckte einen »Setter«, ein Stück Helleborus-Wurzel, hinein oder zog ihnen ein giftgetränktes Seil durch das Loch. Die Franzosen hängen die Nieswurz noch immer gegen den bösen Blick, insbesondere den von Salamandern herrührenden, in den Schweinestall. Auch bei Menschen konnte der »Schelm«, der Krankheitsgeist, der sich im Körper versteckt, mit der Nieswurz ausgetrieben - herausgeschwitzt, herausgebrochen, abgeführt, herausgeniest - werden. Nicht nur die Kelten, sondern auch die Völker im Mittelmeerraum erkannten in der schwarzen Nieswurz ein wertvolles Mittel zur Reinigung (Katharsis). Sie streuten das Wurzelpulver sogar in den Rauchfang und vor die Türen, um unerwünschten Astralwesen den Eintritt zu verwehren.

Brauchtum: Auf dem Land galt die Christrose als Orakelblume. Man stellte in der Weihnachtsnacht zwölf Blütenknospen der Christrose ins Wasser. Jede Knospe bedeutet einen Monat, und man liest das Wetter des kommenden Jahres an der Art und Weise ab, wie sich die Knospen öffnen. Die geschlossenen Knospen bedeuten schlechtes Wetter, die offenen gutes.

Legenden: Die Nieswurz wurde im Altertum gegen Geisteskrankheiten (helleborio = verrückt) angewendet. Nach einer Legende wurde z. B. Herakles durch die Helleboruswurzel von seinem Wahnsinn, in dem er seine Kinder erschlug und ins Feuer warf, geheilt.

Nach einem Aberglauben des Mittelalters sucht die Kröte (Bufo) unter der Christrose nicht nur Schutz, sondern bezieht durch Zauberkraft aus ihr das Gift. Kurioserweise besitzen die Wirkstoffe Bufotailidin aus dieser Kröte sowie Hellebrigenin aus der Christrose dieselbe chemische Struktur. borus wurde sogar ein Krieg beendet. Als im Jahre 600 v. Christi die Stadt Kirrha durch Solon belagert wurde, versorgten sich die Bewohner mit Trinkwasser aus einem kleinen Fluss. Der schlaue Solon ließ Helleboruswurzeln in den Fluß werfen, so daß die Bewohner an Diarrhöe erkrankten und er die Stadt leicht einnehmen konnte.

Eine Legende will wissen, daß der Schöpfer des Weihnachtsliedes „Es ist ein Ros entsprungen . . .“ von blühenden, wilden Christrosen zu seinem Lied inspiriert worden ist.

Heilwirkung: Der Name der Nieswurz bezieht sich darauf, dass das trockene Wurzelpulver geschnupft wurde. Das darauf folgende explosive Niesen zwang die dämonischen bösartigen Entitäten, die sich in Mark und Bein eingenistet hatten, den Körper zu verlassen. Man gab es deswegen Besessenen, Wahnsinnigen und Fallsüchtigen. Im Mittelalter wurde das Niespulver gegen Schlaganfall angewendet: Wenn der Patient niest, dann sei er die folgenden 24 Stunden vor einem weiteren Anfall sicher. Der Augenblick des Niesens wie auch des Gähnens oder Rülpsens war für die Kelten ein magischer Moment, ein Moment des »Übergangs«, des Sichöffnens. Bei der schamanischen Trance deutet diese Reaktion des autonomen Nervensystems das Kommen oder Gehen eines Geistes an. Wer niest, ist nach keltischem Glauben der Gefahr ausgesetzt, von Feen verschleppt zu werden. Dieser Moment muss durch einen Segensspruch oder ein Machtwort, wie »Gesundheit«, »Gotthelf« oder »Bless you«, geschützt werden. Auch glaubten sie, wenn ein krankes Kind niese, treibe es die Geister aus, und der Zauber sei gebrochen. Auf jeden Fall galt es nicht als ratsam, das Niesen zu unterdrücken.

Wie die Nieswurz dazu verwendet wurde, Besessene zu heilen, illustriert eine Geschichte aus dem alten Griechenland. Als der ekstatische Kult des Dionysos von Asien her über das Land der Hellenen hinwegfegte, machten sich die Patriarchen der Stadtstaaten größte Sorgen. Der mit Efeu und zischenden Vipern geschmückte Weingott zog immer mehr Menschen, vor allem junge Frauen, in seinen Bann. Alle guten Sitten verachtend, zogen sie trunken und rasend durch die Wälder und feierten, von dem Weindämon besessen, wilde und oft blutige Orgien. Melampos, ein Hirte, der die Pflanzen wie kaum ein anderer kannte, und der Seher und Priester des Sonnengottes Apollo war, wurde beauftragt, die Auswüchse des Weindämonenkults einzudämmen. Er gab den verzückten Töchtern des Königs die Milch von Ziegen zu trinken, die vorher Helleborus-Blätter gefressen hatten. Augenblicklich wurden sie nüchtern. Seither wird das ätzende Hahnenfußgewächs auch »Pflanze des Melampos« genannt. »Adlerblut« und »Sonnenvogelkind« sind ebenfalls alte Benennungen, da der Adler als Vogel des Sonnengottes die Nüchternheit, Reinheit und Geistesklarheit symbolisiert. Auch der Held Herakles, so die griechische Sage, wurde durch diese Pflanze von einem Wahnsinnsanfall geheilt.

Die antiken Ärzte, von Hippokrates bis hin zu Dioskurides, formulierten die Dinge zwar eleganter, aber im Grunde genommen folgten sie dem alten magischen Volksbrauchtum, wenn sie ihren Patienten Helleborus verschrieben, um das wohltuende Erbrechen, Abführen und Harntreiben zu bewirken.

Eingetragen am 25.01.2016Aktualisiert am 27.01.2016 10:13:00